Fühlen

Das Leben in seiner Ganzheit spüren

Der zweite Teil der Gewaltfreien Kommunikation, Die Gefühle, sind für viele ein noch unerforschtes Land. In unserer Gesellschaft ist es normal, über Gefühle nicht zu sprechen. Und viel schlimmer: Die meisten von uns haben auch nicht gelernt, ihre Gefühle zu fühlen.

Gerade die schwachen Gefühle wie Angst, Trauer oder Scham haben oft keinen Platz. Wir unterdrücken oder betäuben sie, wollen uns nicht verletzlich zeigen. Und auch Wut trauen wir uns oft nicht zu empfinden und schon gar nicht zu äußern. Doch es ist nicht möglich, Gefühle partiell auszuschalten. Wir verlieren dadurch auch die Fähigkeit echte Freude und tiefes Glück zu erfahren. Das Leben kann uns nicht mehr berühren, wir stumpfen ab.

Mit dem zweiten Schritt der Gewaltfreien Kommunikation nehmen wir wieder Verbindung zu unseren authentischen Gefühlen auf und entdecken in ihnen eine wichtige Orientierungshilfe für unser Leben. Unsere Gefühle sind die Brücke zu unseren erfüllten und unerfüllten Bedürfnissen und zu unserer Intuition. Wir brauchen Zugang zu unseren Gefühlen für ein erfülltes Leben und verantwortliches Handeln.

Von Pseudogefühlen und ungeheilten Wunden

Pseudogefühle: Viele von uns kennen es nicht anders: Wir sehen die Ursachen für unsere Gefühle im Außen. Dann fühlen wir uns gestört, weil unsere Kinder so laut sind. Wir fühlen uns vernachlässigt, weil unser Partner lieber zum Fußball geht als Zeit mit uns zu verbringen. Oder wir fühlen uns anerkannt, weil wir ein Lob von unserem Chef bekommen haben. Die anderen sind also "schuld" daran, wenn es uns schlecht geht, beziehungsweise Ursache dafür, dass es uns gut geht. Und so machen wir unser Wohlbefinden vom Verhalten anderer abhängig.

Doch Worte wie ausgenutzt, vernachlässigt, verraten, übersehen, missbraucht, betrogen, verlassen oder auch positive Begriffe wie geliebt, respektiert, geachtet, anerkannt beschreiben nicht unsere wirklichen Gefühle. Sie drücken vielmehr aus, was jemand anderes vermeintlich mit uns macht. Und je nachdem, wie er sich verhält, fühlen wir uns gut oder schlecht. Auf diese Weise geben wir die Verantwortung für unser Wohlbefinden an andere ab.

Ungeheilte Wunden: Wenn wir uns nun auf den Weg machen, statt Pseudogefühlen echte Gefühle zu benennen, wartet die nächste Herausforderung auf uns: Denn wie fühle ich mich, wenn ich z.B. denke mein Partner vernachlässigt mich? Vielleicht einsam, orientierungslos, ängstlich, hilflos. Diese Gefühle stammen aus unserer Kindheit, als wir tatsächlich auf unsere Bezugspersonen angewiesen waren, um überhaupt überleben zu können. Erfahrungen von ausgeliefert sein, machtlos sein, nicht wichtig genommen werden, sich anpassen müssen, Erwartungen erfüllen müssen, nicht richtig sein haben während unserer kindlichen Entwicklung unseren Selbstwert beschädigt und unser Urvertrauen untergraben.

Unsere Mitmenschen streuen durch ihr Verhalten manchmal Salz in unsere alten Wunden, ohne es zu beabsichtigen. Wir kommen uns selbst einen großen Schritt näher, wenn wir uns jetzt um die alten Verletzungen in uns kümmern, anstatt unser Gegenüber für unsere Not verantwortlich zu machen. Selbstmitgefühl heißt das Zauberwort für diesen Weg der inneren Heilung. Genauere Informationen dazu findest Du hier: Selbstmitgefühl - In der eigenen Kraft sein

Authentische Gefühle der Gegenwart

Ohne Pseudogefühle und in Selbstverantwortung für meine früheren Verletzungen kann ich mich jetzt meinen authentischen Gefühlen der Gegenwart zuwenden. Das kann zum Beispiel so aussehen (Fortführung der Beispiele von der Seite Wahrnehmen):

"Immer kommst du zu spät!" - "Du bist heute 45 Minuten nach der vereinbarten Zeit gekommen und hast mich nicht informiert. Ich bin ärgerlich, ...."

"Mein Chef informiert mich nie." - "Ich habe von meinem Chef keine Information über den neuen Termin erhalten. Das ist das dritte Mal in diesem Monat. Ich bin unsicher ...."

"Ich vergesse immer alles." - "Ich habe meine Unterlagen zu Hause liegen lassen. Ich bedauere das, ...."

"Dein Verhalten ist kriminell." - "Du hast mit einem Stein die Fensterscheibe eingeworfen. Ich bin erschrocken und ratlos ....

"Du bist ein braves Kind." - "Du hast gerade den Geschirrspüler ausgeräumt. Ich freue mich ...."

"Donald Trump ist ein Idiot." - "Donald Trump möchte eine Mauer zu Mexiko bauen. Ich bin entsetzt ...."

"Ich bin ein Versager." - "Heute habe ich die Kündigung für meine Arbeitsstelle erhalten. Ich habe Angst ...."

"Du ignorierst mich." - "Als ich heute nach Hause kam, hast Du mich nicht angeschaut und nichts gesagt. Das war auch die letzten 5 Tage so. Ich bin enttäuscht ..."

"Mein Chef nützt mich aus." - "Mein Chef hat sich entschieden, mir keine Gehaltserhöhung zu geben. Ich bin frustriert ...."

"Meine Frau droht mir mit Trennung." - "Meine Frau sagt, sie wird sich von mir trennen, wenn sich nichts ändert. Ich bin verzweifelt ...."

Wenn ich meine authentischen Gefühle benennen kann, habe ich schon viel geschafft: Ich wende mich meinem eigenen Erleben zu, erlaube mir zu fühlen, was ich fühle und habe jetzt Raum dafür meine Bedürfnisse zu erkunden. Ich kann herausfinden, was ich brauche und was mir wirklich wichtig ist.

Ulla Kruse
Artikel von November 2016

Gefühle und Bedürfnisse - Eine Liste (pdf-download)

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