Weg und Ziel der Gewaltfreien Kommunikation

Die vier Schritte

Zu Beginn ist die Gewaltfreie Kommunikation für viele vor allem eine Unterstützung in Konflikten. Die vier Schritte begleiten uns dabei, uns über unsere eigenen Anliegen in einer Konfliktsituation bewusst zu werden. Als nächstes helfen sie dabei, uns so auszudrücken, dass unser Gegenüber uns auch hören kann. Die folgenden 4 Bereiche der GfK sind dabei zu berücksichtigen:

  • Beobachtungen
    Was sehe ich, höre ich, nehme ich wahr, ohne mich selbst oder andere zu verurteilen?
  • Gefühle
    Was fühle ich, ohne jemand anderen dafür verantwortlich zu machen?
  • Bedürfnisse
    Auf welche unerfüllten Bedürfnisse weisen mich meine Gefühle hin?
  • Bitten
    Worum möchte ich jemand anderen bitten? Und was möchte ich selbst tun?

Gefühle und Bedürfnisse - Eine Liste (pdf-download)

Die Geschichte eines Konflikts - Ein Beispiel

In unserem Hof gibt es 4 Parkplätze, für jede Partei im Haus einen. Die benachbarte Familie parkt immer wieder 2 Autos im Hof. Dann ist es so eng, dass ich beim Ausparken regelmäßig ins Schwitzen komme. Als ich wieder mal unter Stress gerate, kommt gerade mein Nachbar vorbei und ich schnauze ihn an: "Ich finde das echt unverschämt, dass ihr euch hier so breit macht. Ihr zahlt nur für einen Parkplatz. Außerdem ist hier nicht genug Platz für mehr Autos. Wenn das nicht aufhört, rufe ich den Vermieter an."

Eine Weile funktioniert das. So richtig wohl fühle ich mich damit nicht. Die Beziehung zu meinen Nachbarn leidet unter meiner Vorgehensweise. Und es dauert auch nicht lange, da steht das 5. Auto doch wieder im Hof. So richtig ernst nehmen sie meine Drohung wohl nicht. Und ich kann ihr Verhalten auch verstehen: Die öffentlichen Parkplätze rund um unser Haus sind zeitbeschränkt.

Was tun? Mir fällt die GfK ein. Einen Versuch ist es wert. Ich setze mich in Ruhe hin und frage mich, worum es mir eigentlich geht. Um das herauszufinden ist es notwendig, die Empörung über meine Nachbarn für einen Moment zurückzunehmen, sie nicht als die Verursacher für meine Gefühle zu sehen und mich ganz auf mich zu konzentrieren: Dass sie zwei Autos im Hof parken, obwohl sie nur für einen Platz zahlen, ist mir eigentlich egal. Was mich wirklich ärgert ist, dass ich meinen gemieteten Parkplatz nicht bequem nutzen kann. Mein Auto hat keinen Parksensor, im Abstände einschätzen bin ich nicht besonders gut. Und ich habe einfach keine Lust auf stressige Ausparkmanöver und das Risiko, eines der anderen Autos zu schrammen.

Und so starte ich einen Versuch mit der GfK:

Schritt 1: Die Beobachtungen

Ich benenne, was ich sehe, was ich höre, was jemand anderes gemacht hat, ohne es zu verurteilen oder zu interpretieren:
Wenn ihr zwei Autos im Hof parkt, passiert es immer wieder, dass hier 5 Fahrzeuge gleichzeitig stehen ...

Schritt 2: Die Gefühle

Ich beschreibe die Gefühle, die in mir entstehen, ohne den anderen für meine Gefühle verantwortlich zu machen:
... Beim Ausparken ärgere ich mich dann und gerate unter Stress, ...

Schritt 3: Die Bedürfnisse

Meine Gefühle weisen mich auf die im Moment unerfüllten Bedürfnisse hin. Ich mache sie mir bewusst und bringe sie zum Ausdruck:
... weil ich entspannt ein- und ausparken möchte und dabei sicher gehen möchte, dass kein Auto beschädigt wird. ...

Schritt 4: Die Bitten

Als Abschluss äußere ich eine Bitte:
... Könnt ihr bitte so parken, dass ich genügend Platz zum Rangieren habe?

Meine Nachbarn hatten für mein Anliegen Verständnis. Als es doch wieder mal sehr eng zuging, habe ich mich nicht gestresst sondern stattdessen den 19-jährigen Sohn morgens aus dem Bett geklingelt und um Unterstützung gebeten. Seitdem klappt es reibungslos.

Weg und Ziel der Gewaltfreien Kommunikation

Auf den ersten Blick sieht es einfach aus: Ich benenne meine Gefühle und Bedürfnisse, spreche eine Bitte aus und mein Umfeld freut sich über die Gelegenheit, mir das Leben schöner zu machen. Doch im Versuch, die GfK in den Alltag zu integrieren, merken wir schnell, dass uns ganz wesentliche Fähigkeiten dafür fehlen. Die 4 Schritte der GfK geben uns eine Praxis an die Hand, mit der wir diese essenziellen Fähigkeiten in uns wieder entdecken und zur Entfaltung bringen können:

  • Wir entwickeln eine Bewusstseinsqualität, in der wir die Dinge so wahrnehmen, wie sie gegenwärtig wirklich sind, anstatt unseren eigenen Urteilen, Interpretationen und Überzeugungen zu glauben, die auf unseren vergangenen Erfahrungen beruhen.
  • Wir verändern unsere Art zu kommunizieren, indem wir das ausdrücken, was in uns lebendig ist. Gleichzeitig lernen wir auf eine neue Weise zuzuhören: absichtslos, neugierig und voller Interesse, was den anderen bewegt.
  • Wir entdecken wieder, wie kostbar und zutiefst befriedigend es ist unsere Gefühle zu fühlen und unsere Wahrheit und unseren wahren Willen zu spüren.
  • Wir lernen unsere lebendigen Bedürfnisse wahrzunehmen, sie als Quelle des Lebens wertzuschätzen, in jedem Augenblick damit verbunden zu sein und danach zu handeln.
  • Wir finden den Mut, uns aufrichtig zu zeigen und mitzuteilen, mit all unseren Stärken und Schwächen. Wir trauen uns unsere Verletzlichkeit zuzulassen und für unsere Wahrheit einzustehen.
  • Wir lernen anderen auf Augenhöhe und ohne Vorurteile zu begegnen und sie wertzuschätzen in allem, was sie ausmacht.
  • Wir vertrauen auf uns selbst, auf unsere Fähigkeiten und unsere Kraft und entdecken so unser Urvertrauen wieder. Dadurch entwickeln wir ganz allgemein eine positive Grundeinstellung dem Leben und unseren Mitmenschen gegenüber.
  • Wir sind Vorbild für andere und tragen dadurch zu einem grundlegenden Bewusstseinswandel auf der Erde und zur friedlichen Kooperation und Verständigung zwischen den Menschen bei.

Worauf es beim Üben der 4 Schritte im Einzelnen genau ankommt, habe ich auf den Seiten Wahrnehmen, Fühlen, Brauchen und Handeln zusammengefasst.

Ulla Kruse
Artikel von November 2016

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