Handeln

Aufrichtig sprechen, mutig und beherzt handeln

Den vierten Teil der Gewaltfreien Kommunikation hat Marshall Rosenberg Die Bitten genannt (im engl. Original: requests). Dieser Begriff trifft für mich nicht genau das, worum es geht. Jemand anderen um etwas zu bitten ist eine mögliche Handlung, die aus der Rückverbindung mit unseren eigenen Bedürfnissen entstehen kann. Vielleicht sind wir jetzt aber auch in der Lage, unserem Gegenüber zum erstmal wirklich zuzuhören. Oder wir ergreifen in einer bestimmten Situation endlich die Initiative, treffen eine unpopuläre Entscheidung, verändern selbst unser Verhalten oder merken, dass es gar keinen Handlungsbedarf gibt.

Im Verbundensein mit uns selbst erkennen wir, dass wir auch das Wissen in uns tragen, was in jeder Situation zu tun ist. Das daraus folgende Handeln erfordert für die meisten von uns Entschlossenheit und Mut. Indem wir aufrichtig mitteilen was wir fühlen, was wir brauchen, worum wir jemanden bitten möchten, was wir zu tun beabsichtigen, was wir beitragen möchten bzw. was wir nicht tun wollen, zeigen wir uns verletzlich.

Von Bitten und anderen Handlungsmöglichkeiten

Eine Bitte äußern:
Jemand anderen um etwas zu bitten bedeutet weder zu manipulieren noch zu fordern oder Bedingungen zu stellen und auch nicht zu flehen: "Hier bin ich und das ist, was ich brauche. Bist Du bereit, das für mich zu tun?" - Auf diese Weise agieren wir offen und zeigen uns verletzlich. Der andere hat die Möglichkeit frei zu entscheiden. Er darf nein sagen. Und damit ja zu seinem eigenen Bedürfnis in dem jeweiligen Moment. Ich selbst habe die Verantwortung für das, was ich brauche und kann bei einem Nein jemand anderen bitten oder nach einer neuen Lösung suchen.

Sich mitteilen:
Oft geht es beim Gewaltfrei Kommunizieren einfach nur darum, sich selbst mitzuteilen. So wissen die anderen, woran sie sind und was los ist. Das Handeln besteht also darin, die ersten drei Schritte auch verbal zu äußern. Hier kommt eine Seite der GfK ins Spiel, die beim Lernen oft zu kurz kommt: Auch in der konfliktfreien Zeit trägt es zur gegenseitigen Verständigung, Verbindung und Kooperation bei, wenn wir mitteilen, was in uns lebendig ist.
"Ich freue mich über die schnelle Rückmeldung!" statt "Danke für die E-Mail."
"Ich schreibe gerade den Artikel für morgen und brauche meine ganze Aufmerksamkeit." statt "Ich habe jetzt keine Zeit."

Zuhören:
Eine der wichtigsten Handlungen der GfK ist das Zuhören. Durch die ersten drei Schritte bin ich mit meinen eigenen Bedürfnissen so gut verbunden und frei von Urteilen über den anderen, dass ich, gegebenenfalls nach einer kurzen Selbstmitteilung, offen und aufmerksam zuhören kann. So kann ich erfahren, was im anderen vorgeht und was er denkt und fühlt und braucht. Das Zuhören kann ich mit Fragen einleiten wie "Wie ist es denn für dich?" - "Was ist passiert?" - "Wie geht es dir damit?"

Eine Lösung vorschlagen:
Wenn ich mir einer Konfliktsituation bewusst bin und meine Gefühle und Bedürfnisse mitgeteilt habe, passt es oft, im vierten Schritt eine Lösung vorzuschlagen. Mit einer Frage wie "Was hältst du von...?" kann ich überprüfen, inwieweit meine Idee auch die Bedürfnisse meines Gegenübers berücksichtigt.

Entscheiden:
Manchmal führt die Selbstempathie mit der GfK auch dazu, dass ich eine Situation für mich selbst ganz neu wahrnehme und dadurch eine Entscheidung treffen kann. Soweit die Entscheidung auch andere betrifft, brauche ich sie dann nur noch mitzuteilen.

Handeln:
Die Praxis der Gewaltfreien Kommunikation bringt uns immer mehr in den gegenwärtigen Moment. Das Verbundensein mit unseren aktuellen Bedürfnissen wird immer selbstverständlicher. Und auch was um uns herum geschieht und unsere Mitmenschen nehmen wir immer aufmerksamer wahr. Daraus ergibt sich natürliches und spontanes Handeln, das der jeweiligen Situation angemessen ist. Es braucht nicht immer Worte dafür.

Kreativsein:
Wenn alle Missverständnisse geklärt sind und alle Bedürfnisse auf dem Tisch liegen ist nicht immer gleich eine Lösung in Sicht. Doch die Anerkennung aller Bedürfnisse und die Kooperationsbereitschaft der Beteiligten weckt auch unsere Intelligenz und Kreativität. Zusammen können wir ganz neue Lösungswege kreieren, die das Leben aller bereichern.

Mitfühlen:
Der vierte Schritt kann auch einfach im Mitfühlen bestehen. Wir sind traurig, haben Angst, ärgern uns oder freuen uns, weil bestimmte Bedürfnisse erfüllt oder nicht erfüllt sind. Im Mitfühlen mit uns selbst oder mit anderen geben wir unseren Gefühlen Raum. Dadurch, dass wir fühlen dürfen, was wir fühlen, klingen die Gefühle nach einer Weile wieder ab und machen Platz für Neues.

Nichts tun:
Wenn wir die Grundannahme der GfK "Alles Sprechen und Handeln entspringt einer guten Absicht" immer mehr integrieren, beziehen wir das Verhalten anderer immer seltener auf uns. Wir entwickeln stattdessen die Fähigkeit, hinter dem Verhalten anderer ihre Gefühle und Bedürfnisse sowie ihre gute Absicht wahrzunehmen. Auch uns selbst gegenüber werden wir großzügiger. Und so erleben wir Situationen, in denen wir uns z.B. gegenseitig Vorwürfe machen, nicht mehr als so dramatisch und können sie auch einfach mal stehen lassen. Unser Vertrauen in uns selbst und andere wird dadurch nicht mehr erschüttert.

In Anerkennung unserer eigenen Bedürfnisse und in Verbundenheit mit ihrer Kraft können selbstverantwortliche Handlungen z.B. so aussehen:

"Immer kommst du zu spät!" - "Du bist heute 45 Minuten nach der vereinbarten Zeit gekommen und hast mich nicht informiert. Ich bin ärgerlich, weil ich meine Zeit gerne sinnvoll nutzen möchte. Kannst du mir beim nächsten Mal bitte Bescheid geben?"

"Mein Chef informiert mich nie." - "Ich habe von meinem Chef keine Information über den neuen Termin erhalten. Das ist das dritte Mal in diesem Monat. Ich bin unsicher, weil ich keine Erklärung dafür habe. Ich werde morgen mit ihm sprechen."

"Ich vergesse immer alles." - "Ich habe meine Unterlagen zu Hause liegen lassen. Ich bedauere das, weil es mir wichtig ist, meinen Beitrag zu leisten. Ich schlage vor, unser Meeting auf morgen zu verschieben, einverstanden?"

"Dein Verhalten ist kriminell." - "Du hast mit einem Stein die Fensterscheibe eingeworfen. Ich bin erschrocken, weil mir achtsamer Umgang mit allem wichtig ist. Und ich bin ratlos wegen deinem Verhalten. Wie ist es denn dazu gekommen?"

"Du bist ein braves Kind." - "Du hast gerade den Geschirrspüler ausgeräumt. Ich freu mich, weil ich heute so viel zu tun habe. Danke für die Unterstützung."

"Donald Trump ist ein Idiot." - "Donald Trump möchte eine Mauer zu Mexiko bauen. Ich bin entsetzt, weil ich Gemeinschaft und Offenheit wichtig finde. Leider habe ich auf Donald Trump keinen Einfluss. Aber ich werde mich in meinem eigenen Umfeld für Gemeinschaft und Offenheit einsetzen, so gut ich kann."

"Ich bin ein Versager." - "Heute habe ich die Kündigung für meine Arbeitsstelle erhalten. Ich habe Angst, weil ich im Moment nicht weiß, wie es weiter gehen soll." ... Raum für Mitfühlen ...

"Du ignorierst mich." - "Als ich heute nach Hause kam, hast Du mich nicht angeschaut und nichts gesagt. Das war auch die letzten 5 Tage so. Ich bin enttäuscht, weil mir der Austausch mit dir wichtig ist. Wie erlebst du denn den Moment, wenn ich nach Hause komme?"

"Mein Chef nützt mich aus." - "Mein Chef hat sich entschieden, mir keine Gehaltserhöhung zu geben. Ich bin frustriert, weil ich mich weitergebildet habe und in den letzten Monaten mehr Verantwortung übernommen habe. Ich werde mir eine neue Stelle suchen, wo ich besser bezahlt werde. Schade, ich hab echt gern hier gearbeitet."

"Meine Frau droht mir mit Trennung." - "Meine Frau denkt darüber nach, sich von mir zu trennen. Ich bin verzweifelt, weil ich nicht verstehen kann, worum es ihr geht und im Moment jedes Gespräch im Streit endet. Ich werde sie darum bitten, mit mir zur Paarberatung zu gehen."

Mit der Zeit werden die einzelnen Schritte der Gewaltfreien Kommunikation für uns immer selbstverständlicher. Sie werden immer mehr Teil unseres Wesens und wir brauchen immer weniger Aufmerksamkeit für den Prozess. Wahrnehmen, Fühlen, Brauchen und Handeln finden in jedem Augenblick statt ohne dass wir uns bewusst darum kümmern müssen. Nach und nach entdecken wir unser ursprüngliches Lebendigsein wieder.

Ulla Kruse
Artikel von November 2016

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