Wahrnehmen

In der Gegenwart zu Hause sein

Den ersten Teil der Gewaltfreien Kommunikation hat Marshall Rosenberg Die Beobachtungen genannt (Im engl. Original: observations).
Für mich drückt der Begriff Wahrnehmen genauer aus, worum es geht. Wir sind hier herausgefordert, unser bewertendes und urteilendes Denken für den Augenblick zurückzustellen und die Dinge einfach nur wahrzunehmen, wie sie im Moment gerade sind.

Für unseren konditionierten Verstand ist das eine schwierige Aufgabe. Wir sind es gewohnt, jede Erfahrung, die wir machen und auch alle Dinge, die uns begegnen, sofort zu benennen, zu bewerten und einzuordnen. Über unsere Mitmenschen haben wir jede Menge Zuschreibungen und Urteile, positive und negative, ohne genau zu wissen, was tatsächlich in ihnen vorgeht. Und auch uns selbst begegnen wir in der Regel nicht wohlwollend und unterstützend, sondern sind selbst unsere härtesten Kritiker.

Wie können wir lernen wahrzunehmen statt zu bewerten?

Dazu braucht es vor allem unsere Aufmerksamkeit. Wir müssen überhaupt erstmal bemerken, wie oft wir uns in unserem urteilenden Verstand verlieren, anstatt in der Gegenwart präsent zu sein und einfach nur mit dem zu gehen, was gerade passiert. Die Denkgewohnheiten in unserer westlichen Welt haben sich über tausende von Jahren entwickelt. Um das Gelernte zu hinterfragen und einen neuen Weg einzuschlagen braucht es also erstmal Aufmerksamkeit und den Mut genau hinzuschauen. Und dann ganz viel Ausdauer beim Umlernen.

Mir selbst hat beim Umlernen neben der GfK auch die Glaubenssatzarbeit mit "The Work" geholfen. (Siehe auch meine Webseite Transformative Glaubenssatzarbeit) Zum anderen verschiedene Formen der Körperarbeit, wie z.B. Yoga und 5-Rhythmen-Tanzen. Hilfreich sind auch alle Formen von Meditation.
Und so funktioniert nun Schritt 1 der gewaltfreien Kommunikation, das Wahrnehmen:

Konkrete Tatsachen statt Verallgemeinerungen

In unseren Vorwürfen an andere Menschen benutzen wir gerne Verallgemeinerungen. Die Wörter immer oder nie treffen jedoch in der Regel nicht zu. Eine Situation entspannt sich schnell, wenn ich mein verallgemeinerndes Urteil kurz beiseite stelle und stattdessen schaue, was genau passiert ist. Auf diese Weise bleibe ich handlungsfähig:

"Immer kommst du zu spät!" - "Du bist heute 45 Minuten nach der vereinbarten Zeit gekommen und hast mich nicht informiert."

"Mein Chef informiert mich nie." - "Ich habe von meinem Chef keine Information über den neuen Termin erhalten. Das ist das dritte Mal in diesem Monat."

"Ich vergesse immer alles." - "Ich habe meine Unterlagen zu Hause liegen lassen."

Verhalten beschreiben statt Personen bzw. ihr Verhalten bewerten

Wenn wir uns selbst und andere oder unser Verhalten bewerten, fällen wir unsere Urteile nach der Methode "Daumen hoch" und "Daumen runter". Das Ergebnis stülpen wir dem anderen Menschen oder uns selbst und unserem Tun dann als Ganzes über. Nützlicher ist es, das konkrete Verhalten oder Geschehen zu beschreiben. Dann kann ich im Anschluss ausdrücken, wie es mir damit geht. Oder erstmal zuhören, was den anderen bewegt bei dem, was er tut:

"Dein Verhalten ist kriminell." - "Du hast mit einem Stein die Fensterscheibe eingeworfen."

"Du bist ein braves Kind." - "Du hast gerade den Geschirrspüler ausgeräumt."

"Donald Trump ist ein Idiot." - "Donald Trump möchte eine Mauer zu Mexiko bauen."

"Ich bin ein Versager." - "Heute habe ich die Kündigung für meine Arbeitsstelle erhalten."

Selbstverantwortung statt Täter - Opfer - Spiel

In unserer Sprache gibt es viele Wörter, die von vornherein eine Täter-Opfer-Situation kreieren. Hilfreicher ist es auch hier, sich stattdessen die konkreten Beobachtungen und Verhaltensweisen des anderen bewusst zu machen. So bleibe ich in der Selbstverantwortung und auf Augenhöhe mit meinem Gegenüber:

"Du ignorierst mich." - "Als ich heute nach Hause kam, hast du mich nicht angeschaut und nichts gesagt. Das war auch die letzten 5 Tage so."

"Mein Chef nützt mich aus." - "Mein Chef hat sich entschieden, mir keine Gehaltserhöhung zu geben."

"Meine Frau droht mir mit Trennung." - "Meine Frau sagt, sie wird sich von mir trennen, wenn sich nichts ändert."

Zuhören oder Selbstausdruck statt Kommunikationsstopp

Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Reaktionen, die einen offenen Austausch verhindern, wie z.B. etwas klein reden, trösten, manipulieren, loben, interpretieren, moralisieren usw. Diese Arten zu kommunizieren sind uns so vertraut, dass wir sie nicht gleich als gewaltvoll erkennen. Thomas Gordon hat diese Sprachmuster erforscht und aufgeschlüsselt. Vertiefte Informationen dazu findest du hier: Die 12 Kommunikationssperren nach Thomas Gordon

Gelingt mir der Schritt weg vom Urteilen zurück zu meiner Wahrnehmung, so kann ich mich jetzt dem nächsten Schritt, dem Fühlen zuwenden.

Ulla Kruse
Artikel von November 2016

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