Selbstmitgefühl

In der eigenen Kraft sein

Was ist Selbstmitgefühl?

Selbstmitgefühl ist für mich die Fähigkeit, mir selbst mitfühlend, wohlwollend und unterstützend zu begegnen, was auch immer in meinem Leben gerade vor sich geht.

Ich brauche Selbstmitgefühl um meine Bedürfnisse wahrnehmen zu können, vor allem die, für die ich bisher zu wenig gesorgt habe. Ich brauche Selbstmitgefühl um alte Verletzungen zu heilen. Ich brauche Selbstmitgefühl um zu lernen, mich selbst zu lieben, als die, die ich wirklich bin. Selbstmitgefühl bedeutet, mit dem, was ich in einem bestimmten Moment erlebe, präsent zu sein, ohne es loswerden zu wollen und ohne es verändern zu wollen.

Es ist ein bisschen verzwickt mit dem Selbstmitgefühl: Weil wir nicht genug davon zur Verfügung haben, trauen wir uns auch nicht, uns unserem Schmerz, unseren Zweifeln, unserem Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit oder der Wut, die in uns brodelt, zuzuwenden. Doch erst, indem wir mutig unseren Blick von außen nach innen wenden, begeben wir uns auf den Übungsweg, auf dem wir uns nicht nur die Fähigkeit zurück erobern, uns selbst mitfühlend zu behandeln sondern auch den Zugang zu unserer ureigenen Kraft und unserer Lebensfreude wieder finden.

Warum überhaupt alten Schmerz ausgraben?

Die meisten von uns sind ziemlich gut darin, schmerzhafte Erfahrungen und Gefühle zu verdrängen. Wir lenken uns ab mit allen möglichen Geschäftigkeiten und oberflächlichen Vergnügungen, oder wir betäuben schmerzhafte Gefühle mit Rauchen, Alkohol, Essen, Fernsehen/Internet/Handy. Auf diese Weise kommen wir irgendwie auch ganz gut durchs Leben. Doch dabei entgeht uns, was wir eigentlich tun: Wir spalten verletzte Teile von uns ab. Anstatt uns um sie zu kümmern, lassen wir sie im Stich, unterdrücken sie oder sperren sie einfach weg. Das scheint auf den ersten Blick zu funktionieren. Doch was bleibt ist ein nagendes Gefühl, dass etwas ganz Wesentliches in unserem Leben fehlt.

Wenn wir uns nun auf die Suche nach diesem Etwas machen, das wir scheinbar verloren haben, suchen wir an allen erdenklichen Orten, nur nicht dort, wo wir fündig werden würden: In uns selbst. Und das hat auch seinen Grund. Nie wieder wollen wir den unerträglichen Schmerz und die Angst erleben, die irgendwann mal zu dieser Spaltung in uns geführt haben. Doch genau das ist erforderlich. Wir müssen bereit sein, uns für den Schmerz in uns und unserer Welt zu öffnen, wenn wir unsere eigene Ganzheit wieder finden und leben wollen.

Was ist zu tun?

Zunächst mal muss ich früheren Schmerz als solchen erkennen: Es ist nicht möglich, dass mir heute, als Erwachsener, jemand anderes neuen emotionalen Schmerz zufügt. Wann immer mich das Verhalten von jemand anderem verletzt, mir Angst macht oder Ärger in mir auslöst, berührt er eine alte kindliche Wunde in mir, die noch auf Heilung wartet.

Dass es sich um alten Schmerz handelt, kann ich leicht erkennen, wenn ich Gedanken habe wie: Jemand hat mich verraten, ausgenutzt, im Stich gelassen, übergangen. Jemand ist mir gegenüber nicht verlässlich, vertrauenswürdig, aufrichtig. Jemand respektiert mich nicht, achtet mich nicht, wertschätzt mich nicht, vertraut mir nicht, nimmt mich nicht wahr, nicht wichtig, nicht ernst... Ein untrügliches Zeichen ist auch, wenn ich wie aus dem Nichts auf etwas aggressiv oder mit Rückzug reagiere, wenn also jemand oder etwas "meine Knöpfe drückt".

Es gilt nun zu üben, mich dem Schmerz von damals zu öffnen, in ihm stehen zu bleiben und nicht mehr wegzulaufen. Ich übernehme also, vielleicht zum ersten Mal nach Jahrzehnten, die Verantwortung für einen verletzten kindlichen Anteil in mir und wende mich ihm mitfühlend zu. Was habe ich damals gefühlt? Wut? Hass? Angst? Trauer? Einsamkeit? Hilflosigkeit? Ohnmacht? Habe ich mich geschämt? Schuldig gefühlt?

Wenn wir uns auf diese Gefühle einlassen, tauchen oft die Szenen aus unserer Kindheit auf, die uns damals in eine so große innere Not gebracht haben. Wir können jetzt unsere Gefühle und Bedürfnisse in der Situation von damals weiter erforschen:

Was hätte ich damals gebraucht? Verständnis? Jemanden, der zuhört? Aufrichtigkeit? Mitgefühl? Wertschätzung? Von jemandem wirklich gesehen und gehört zu werden? Schutz? Jemand, der mir sagt, dass ich nicht verantwortlich bin für das, was passiert ist? Ermutigung? Unterstützung? Jemand, der mich in den Arm nimmt? Es ist, als würde ich meinem eigenen inneren Kind zuhören, dass mir seine schmerzhafte Geschichte erzählt. Ich bleibe da, erkenne den Schmerz und die tiefe Not von damals an, fühle mit. Ich umarme den Schmerz, er darf da sein.

Durch die Bereitschaft den Schmerz wirklich zu fühlen und ohne die Absicht ihn loswerden zu wollen kommt der Heilungsprozess von selbst in Gang. Und mit der Zeit, manchmal früher, manchmal später, wird der Schmerz sich verwandeln. In eine Weite, in Frieden, etwas in mir kommt zur Ruhe. Ich bin auf eine neue und tiefere Weise mit mir selbst verbunden und dadurch auch in meiner Kraft. Aus dieser Verbundenheit heraus kann ich jetzt wieder auf die aktuelle Situation schauen und herausfinden, was ich fühle, was ich brauche und was es heute für mich zu tun gibt.

Mitfühlend sein mit anderen

Manche Ereignisse aus unserer Kindheit können uns auch ziemlich überwältigen. Dann macht es Sinn, sich einen erfahrenen Begleiter für diesen Abschnitt der Reise zu suchen. Doch letztendlich muss jeder die innere Heilarbeit für sich alleine leisten. Wir können sie niemandem abnehmen oder erleichtern. Wir können nur füreinander da sein. Je mehr wir in der Lage sind, uns selbst mitfühlend und unterstützend zu begegnen, desto mehr können wir auch anderen eine wirkliche Unterstützung auf diesem Weg sein. Denn wir haben aus eigener Erfahrung gelernt, was Mitgefühl bedeutet:

Sowohl Selbstmitgefühl als auch Mitgefühl mit anderen ist keine Frage des "Tuns", man kann es auch nicht geben. Es ist auch nicht Mitleid oder sich in den anderen einfühlen. Mitgefühl ist eine Frage des "Seins": Präsent sein, aufmerksam sein, absichtslos sein, Raum sein.

Ulla Kruse
Artikel von November 2016
Zuletzt geändert im August 2017

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